Lernen aus Störungen

Störungen treten in jedem Arbeitsprozess teils permanent und teils sporadisch auf. Sie werden bisher fast ausschließlich als eine negative Erscheinung in Wertschöpfungs­prozessen abgebildet. Diese Störungen bewusst und systematisch zu nutzen, um arbeitsprozessintegrierte Lernprozesse zu initiieren und eine Kompetenz­entwicklung bei Mitarbeitern in Unternehmen zu bewirken, ist eine neue Sichtweise und kann vor allem berufspädagogische, modifiziert aber auch allgemein­pädagogische, Konzepte erweitern (Vlg. Schellenberg, 2009). 

Als Störung ist hier immer ein (nicht beabsichtigtes oder nicht vorhersehbares) Ereignis zu verstehen, das einen Prozess in seiner Funktion beeinträchtigt und eine quantitative oder qualitative Abweichung vom erwünschten Endzustand beziehungsweise Sollwert bewirkt, die sich unter anderem

  • als zeitliche Differenz zwischen Soll- und Ist-Wert (sowohl als Verzögerung als auch als Beschleunigung)
  • als Qualitätsabweichung,
  • als Kosten- oder Preisdifferenz oder
  • als Vertrags- und Leistungsänderung

äußern kann.

In Klein- und Kleinstunternehmen – diese prägen das wirtschaftliche Bild in vielen Regionen – überwiegen nach wie vor traditionelle Formen der Weiterbildung, wie Arbeitsunter­weisungen oder Trainings (Dehnbostel 2004; 2005): Formen, die häufig notwendig sind; den Beschäftigten aber nur geringe Gestaltungsspielräume für solche Lernmodelle bieten,

  • die Selbstorganisation und Selbstreflexion sowie bewusst und gezielt informelles Lernen ermöglichen und fördern,
  • in denen das Lernen einen ganzheitlichen Tätigkeitsbezug hat und nicht mehr nur an formelle, didaktisch aufbereitete Lernsituationen gebunden ist,
  • in denen das Lernen im Arbeitsprozess kooperative Selbstqualifikation unter Nutzung neuer Medien ermöglicht und
  • die den unmittelbaren Transfer des Gelernten in die Tätigkeit sichern.

Ursache dafür ist, dass in den Klein- und Kleinstunternehmen häufig nicht erkannt wird, welche Anlässe im jeweiligen Arbeitsprozess Lernen ermöglichen und wie diese gezielt und bewusst zur Kompetenzentwicklung genutzt werden können. Das Management und die Mitarbeiter in diesen Unternehmen realisieren ihre Tätigkeiten und Abläufe in den meisten Fällen routinemäßig. Sie haben oftmals keine Vorstellung darüber, welche und wie viel Lernpotenzen in der Realisierung der jeweiligen Arbeitsaufgabe und bei der Bewältigung des Gesamtprozesses für die Entwicklung, Vertiefung oder Erweiterung von Kompetenzen vorhanden sind.

Das betrifft u. a. solche Fragen:

  • Wie gehe ich bei der Korrektur einer Störung strukturiert vor?
  • Welche Problemlöseverfahren stehen mir zur Verfügung und können eingesetzt werden?
  • Wie können Verbesserungen erreicht werden?
  • Wie muss ich kommunizieren, wen muss ich informieren, welche Unterlagen muss ich ausfüllen?

Welche fachlichen, betriebswirtschaftlichen und methodischen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten sind erforderlich, damit der Arbeitsprozess ‑ auch unter Beachtung des Auftretens von Störungen ‑ entsprechend der Termin-, Kosten- und Qualitätsplanung verlaufen kann?

Deshalb ist es erforderlich, insbesondere für solche Klein- und Kleinstunternehmen neue Wege für die berufliche Kompetenzentwicklung zu erproben und in die Breite zu transferieren, die diese Gestaltungsspielräume ermöglichen und die von Unternehmen geforderte und den Teilnehmern benötigte Kompetenzentwicklung zulassen.

Ansprechpartnerin

Dr. Monika Schellenberg


Literaturhinweise:

Buggenhagen, H. J.: Die Baustelle als Lernort. In: Innovationstransfer- und Forschungs­institut für berufliche Aus- und Weiterbildung (Hrsg.): Weiterbildung in der Region 31 (2002), 6–9

Buggenhagen, H. J./Busch, K./Schellenberg, M.: Bildungsunternehmen im Wandel zu Kompetenzzentren. In: Innovationstransfer- und Forschungsinstitut für berufliche Aus- und Weiterbildung (Hrsg.): Schriftenreihe zur beruflichen Aus- und Weiterbildung 34 (2001)

Buggenhagen, H J./Busch, K. H./Schellenberg, M.: Modularisierung ‑ Chance und Risiko in der beruflichen Bildung. In: Handbuch der Aus- und Weiterbildung. 151. Erg.-Lfg., August 2003

Busch, K. H.: Innovationen erfolgreich realisieren. Erfinden lernen – lernend erfinden. trafo verlag dr. w. weist: Berlin 2003

Dehnbostel, P.: Eine Allgemeinbildung für die gesamte Berufsausbildung? Die Entwicklung von Kompetenzen in der Arbeit – Möglichkeiten und Grenzen. Vortrag in Luzern 23.01.2004

Dehnbostel, P.: Lernen ‑ Arbeiten ‑ Kompetenzentwicklung: Zur wachsenden Bedeutung des Lernens und der reflexiven Handlungsfähigkeit im Prozess der Arbeit. In: Wiesner, G./ Wolter (Hrsg.): Die lernende Gesellschaft. Lernkulturen und Kompetenzentwicklung in der Wissens­gesellschaft. Dresden 2005, 111‑126

Schellenberg, M. : Arbeitsprozessintegriertes Lernen am Beispiel des didaktischen Modells „Lernen aus Störungen“. Handbuch der Aus- und Weiterbildung. Deutscher Wirtschaftsverlag. 2009. Fundstelle: 4361.

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