Mentoring in der Benachteiligtenförderung

Mentoring für die Gruppe Benachteiligter und/oder Arbeitssuch­ender unterscheidet sich vom traditionellen Mentoring, wie es vor allem in der Nachwuchs­förderung in Politik, Öffentlicher Verwaltung, Wissen­­schaft und Wirtschaft seit den Sechziger­jahren vor allem im US-ameri­kanischen Raum und seit ca. 15 Jahren in Deut­schland mehr und mehr Anwen­dung findet.

Als Benachteiligte werden hilfedürftige Gruppen angesehen, die sowohl sozial als auch beruflich von Ausgrenzung betroffen sind.

„Berufliche Ausgrenzung und damit verbundene soziale Benachteiligung haben im berufspädago-gischen Kontext lange Zeit an Aufmerksamkeit verloren und erst durch die massive Arbeitslosigkeit wieder an Bedeutung erfahren. Nicht zuletzt die Neuauflage von Benachteiligtenprogrammen hat zu einer Renaissance eines alt­be­kannten Problemfeldes geführt.“ (vgl. Bohlinger 2004, S. 230-241).

Die Benachteiligtenförderung in Deutschland ist ein relativ unübersichtliches Feld von Förderprogrammen und Fördermaßnahmen sowie Akteuren und stellt meist Jugendliche mit besonderem Förderbedarf in den Mittelpunkt. In Literatur zur Be­nach­teiligtenförderung werden eher strukturelle Fragen erörtert und Programme, Projekte und Modelle vorgestellt. Deutlich wird eine erhebliche Diskrepanz zwischen der quantitativen Bedeutung von Be­nach­teiligtenförderung und der Auf­merk­samkeit, die diesem Feld in der Forschung gewidmet wird. Es gibt keine systematischen Anknüpfungs-punkte zwischen den Aufgabenstellungen der tangierenden Wissenschaften Sonder-, Sozial-, Schul- und Berufspädagogik. Es gibt auch keine gemeinsam getragenen Basistheoreme. Forschungs­organisa­torisch ist keine Struktur zu erkennen, obwohl gerade in diesem Bereich des Bildungswesens ein koordiniertes länderübergreifendes Vorgehen notwendig ist, angesichts der Zersplitterung der Lernorte und Träger. Notwendig wäre es, empirische Forschung zu verstärken und dabei auch eine „pädagogische Grundlagenforschung“ für den Benachteiligtenbereich anzupacken (vgl. Bohlinger 2004, S. 18).

Niemeyer (2005) führt aus, dass die Programme zur Benachteiligtenförderung sich in den einzelnen EU-Staaten stark unterscheiden. Dies resultiere aus den jeweiligen historischen und kulturellen Besonderheiten der gewachsenen natio­nalen Berufsbildungssysteme. Es lassen sich drei Intentionsrichtungen von Be­nach­teiligtenförderung unterscheiden: Programme, die den Mainstream schu­lischer Berufsausbildung verbreitern und alternative Lern- und Arbeitsoptionen bereithalten, Programme zur Kompensation struktureller Defizite und fehlender Ausbildungsangebote sowie Workfare-Programme, die vor allem auf die Erwerbstätigkeit gerichtet sind, Verlängerung der Schulzeit, ggf. in Verbindung mit Praktika.

Da berufliche Ausgrenzung und damit verbundene soziale Benachteiligung sich nicht allein auf die Gruppe der jungen Erwachsenen und berufspädagogische Kontexte begrenzen lassen, wird der Begriff der Benachteiligtenförderung hier erweitert. Als Benachteiligte werden hilfedürftige Gruppen angesehen, die sowohl sozial als auch beruflich von Ausgrenzung betroffen sind und das unabhängig von ihrem Alter.

Traditionelles Mentoring bezieht sich vor allem auf privilegierte Personengruppen. Bei aller sich zeigenden Aus­differenzierung hinsichtlich der Adressaten­gruppen, der Ziel­setzungen, der Dauer und der angebotenen Rahmenpro­gramme lässt sich verallgemeinern, dass dieses Mentoring in der Regel als Instrument zur Begleitung und Unterstützung des beruflichen Weges von jungen Potenzial­trägern -den Mentees - eingesetzt wird. Mentoring bedeutet hier, dass eine zeitlich begrenzte Beratungs- und Unter­stützungsbeziehung zwischen einer erfahren Führungskraft und einer Nachwuchs­kraft aufgebaut wird. Im heu­tigen Mentoring hat sich vor allem im euro­päischen Kontext ein Entwick­lungs­mentoring mit dem Fokus auf „persönliches Wachstum und Lernen“ durchgesetzt, wogegen in der amerikanischen Tradition eher ein karriereorientiertes Mentoring umgesetzt wird und der Mentor eine Art „Vaterfigur“ darstellt. (vgl. Clutterbuck 1998).

Während das Mentoring also ursprünglich vor allem für privilegierte Personen und Gruppen eingesetzt wird, zielt ein verän­dertes Mentoring auf Angehörige unterreprä­sentierter Gruppen ab. Für das Mentoring zur Unterstützung Benachteiligter und/oder Arbeitsuchender werden unterschiedliche Ansätze und Modelle ent­wickelt und trotz der auch hier vorhandenen Aus­diffe­renzierungen hinsichtlich der Ziel­gruppen, der Zielsetzungen, der Dauer und der möglichen Rahmenbedin­gungen zeigt sich, dass das Mentoring ein nutzbares Instrument zur Unterstützung der Kompetenzentwicklung auch oder gerade bei hilfebedürftigen Gruppen sein kann. Das Mentoring dient hier nicht nur als Instrument zur individuellen För­derung und Kompetenzentwicklung sondern auch als Strategie zur Förderung der Chancen­­gleichheit. Mit der Anwendung des Mentoring für unterrepräsen­tierte Gruppen wird die Erkenntnis, dass für den beruflichen Erfolg nicht allein die gute Qualifikation zählt, sondern fördernde und unterstützende Bezie­hungen von großer Bedeutung sind, aus der Arbeits­welt in die Benach­teiligtenförderung übertragen.

In der Übertragung der Unterstützungskonzepte in die Benachteiligten­förderung deutet sich an, dass auch hier die Spezifik des Mentoring in besonderer Weise Zugänge zu den Betroffenen eröffnet sowie besondere Wirkungen erzielt. Der Blick auf die „gesamte Person“ und ihre Potenziale ermöglicht andere Heran­gehens­weisen, Zielstellungen und Entwicklungen, als es engere Konzepte bieten können.

Ansprechpartnerin

Dipl. Psych. Pamela Buggenhagen


Literaturhinweise:

Buggenhagen, P.: Zielgruppenspezifisches Jobmentoring zur Unterstützung von Kompetenz-entwicklung und Integration in Arbeit. In: Mentoring - Modell zur Unterstützung einer nachholenden Grundbildung vor und während der Vermittlung in Erwerbstätigkeit - Konzepte, Methoden, Erfahrungen - Handbuch. RegioVision GmbH Schwerin, Schwerin 2010, S. 7-15.

Bohlinger, S.: Der Benachteiligtenbegriff in der beruflichen Bildung. In: Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik Heft 2, 2004. http://www.bwpat.de/ausgabe6/niemeyer-a_bwpat6.pdf (Zugriff am 15.03.2010)

Niemeyer, B.: Benachteiligtenförderung in Europa: zwischen Arbeitstraining und beruflicher Bildung. In: Berufsbildung : Zeitschrift für Praxis und Theorie in Betrieb und Schule. Heft 96, S. 9-12, 2005.

Cranwell-Ward, J; Bossons, P. Gover, S.: Mentoring: a Henley review of best practice. Palgrave Macmillan, 2004.

Doll, A.: Mentoring - Ursprünge, Aufgaben und Formen des Mentoring. Studienarbeit. GRIN Verlag für akademische Texte. Norderstedt 2006.

Haasen, N.: Mentoring. Persönliche Karriereförderung als Erfolgskonzept. München: Wilhelm Heyne Verlag 2001.

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