Nachholende berufsbezogene Grundbildung

Grundbildung bezeichnet die Minimalvoraussetzungen an Wissensbeständen, Kenntnissen, Fertigkeiten, personalen und sozialen Kompetenzen, die für Orientierung und aktives Handeln in der Gesellschaft notwendig sind. Grundbildung hat zum Ziel, insbesondere bildungsbenachteiligten und lernungewohnten Menschen Lernen zu ermöglichen.

Grundbildung ist vom inhaltlichen Umfang her kein feststehend definierter Begriff, da gesellschaftliche Anforderungen und individuelle Lebenslagen steter Entwicklung unterliegen (vgl. Döbert 1999).

Die Konzepte der Grundbildung sind aus den Erfahrungen der Alphabetisierungsarbeit entstanden. Seit den 70er Jahren wurde die Alphabetisierungsarbeit als neue Aufgabe der Erwachsenen­bildung angesehen, deren Umsetzung vor allem an Volkshochschulen oder über Projekte erfolgte. Im Zuge der Etablierung neuer Technologien fielen einfache Arbeitsplätze zunehmend weg und die Arbeits­losigkeit stieg rapide an. Eine wachsende Zahl von Menschen wurde aufgrund ihrer unzu­reichenden Lese- und Schreibkompetenzen zum Verlierer auf dem Arbeitsmarkt und man wurde so auf das Phänomen „Analphabetismus“ aufmerksam (Tröster 2005, S.2). Erste Alphabetisierungskurse entstanden und die Erwachsenenbildung stellte sich somit einer neuen Zielgruppe und neuen Aufgaben. In den 80er Jahren erkannte auch die Politik die Bedeutung sowie entsprechenden Handlungsbedarf und das damalige Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft förderte entsprechende Pro­gramme und Projekte. Einerseits entstanden damit konzeptionelle Grundlagen der Alpha­betisierungsarbeit und andererseits wurden bundesweit modellartige Kurse initiiert und Kursleiter qualifiziert. In den 90er Jahren führten neue gesellschaftliche Kompetenz­anforderungen zur Lösung vom eng gefassten Alphabetisierungs­konzept hin zur umfassender gesehenen Grund­bildung.

Lange Zeit konnte die Frage nach der Anzahl der Analphabeten in Deutschland nur mit ungenauen Schätzungen beantwortet werden. Die Pisa-Studie (2006) geht davon aus, dass ca. 20% der 15-Jährigen zur sogenannten Risikogruppe gehören. Dies sind Jugendliche, die in Lesen und Rechnen lediglich die 1. Kompe­tenz­stufe beherrschen (rudimentäre Leistungen, die nicht zur Aufnahme einer beruflichen Bildung befähigen) oder mit ihren Leistungen sogar noch unter dieser 1. Kompetenzstufe liegen. Bei Jahr­gangsstärken von ca. 850.000  Schülern sind das jährlich 170.000 junge Menschen, im wesentlichen  Schüler an Hauptschulen,  Förderschulen und Gesamtschulen.

Diese Jugendlichen haben trotz der drastisch sinkenden Zahlen von Schulabgängern und des sich damit vergrößernden Angebotes an Ausbildungsstellen sehr geringe Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.  Aus Jugendlichen ohne Schul- und/oder Berufsabschluss werden Erwachsene, deren Bildungs­defizite ihre Chancen auf gesellschaftliche Partizipation auf lange Sicht einschränken.

Seit 2011 gibt es erstmals gesicherte Zahlen zur Größenordnung des Funktionalen Analpha­betismus in Deutschland. Die Studie "leo. - Level-One Studie" hat die Literalität von Erwachsenen (18-64 Jahre) untersucht. Demnach sind 7,5 Millionen Erwachsene (14,5%) aufgrund ihrer begrenzten schriftsprachlichen Kompetenz nicht in der Lage, am gesellschaft­lichen Leben in angemessener Form teilzuhaben und sind somit funktionale Analphabeten. In ihrer Rede anlässlich der Bilanzkonferenz im Förderschwerpunkt „Forschung und Entwicklung in der Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener“ am 29. März 2011 in Berlin betont die Staatssekretärin im Bundes­ministerium für Bildung und Forschung Cornelia Quennet-Thielen: „Die Zahl der Menschen, die sogenannte funktionale Analphabeten sind, ist mit 7,5 Millionen fast doppelt so hoch wie die bisherigen Schätzungen. Es sind in hohem Maße die sozial Schwächeren, die nicht oder nur ungenügend lesen und schreiben können. Ihnen die soziale, politische und ökonomische Teilhabe zu ermöglichen, ist unser Ziel. Wir wollen ihnen den Zugang zum Beruf bzw. zu anspruchsvolleren Tätigkeiten eröffnen (…) Seit Februar diesen Jahres wissen wir: In Deutschland können 7,5 Millionen Männer und Frauen zwischen 18 und 65 Jahren keine zusammenhängenden Texte lesen oder schreiben. 2 Millionen von Ihnen können sogar nur einzelne Wörter schreiben.“

In der Vergangenheit wurden über die Förderung entsprechender Projekte vor allem über die Volkshochschulen wichtige Voraussetzungen geschaffen, flächendeckende Angebote aufzubauen. Nachdem jedoch diese Möglichkeiten ausgeschöpft waren und die Kommunen finanzielle Verant­wortung übernehmen sollten, gab es statt einer angestrebten Konsolidierung in der Arbeit, Rückschritte und Stagnation. „Es gibt keine bundesweite gesetzliche Regelung für ein flächen­deckendes Angebot im Bereich Alphabetisierung und Grundbildung für Erwachsene. Die Angebote und ihre Infrastruktur sind unterschiedlich … punktuell vor Ort entwickelt, aber nicht für eine bundesweite Anwendung weiterentwickelt … worden. Es gibt keine einheitliche und gesicherte Finanzierung (Döbert, Hubertus 2000).“

Auf Grund der föderalen Struktur in Deutschland sind je nach Bundesland unterschiedliche Angebote zu finden und auch eine bundesweite Anwendung von Standards findet nicht statt. Das Bundesministerium fördert regelmäßig innovative Projektvorhaben im Bereich Grundbildung und Alphabetisierung, die jedoch keinen Ersatz für die entsprechenden Rahmen­bedingungen bieten. Für die Schaffung einer einheitlichen Infrastruktur wären die Bundesländer und Kommunen zuständig, jedoch kommt in den Weiterbildungsgesetzen der Länder der Bereich Grundbildung kaum vor. So ist das Angebot weder kontinuierlich noch flächendeckend und gute Ansätze bleiben regional begrenzt.

Experten aus dem Bereich der Alphabetisierung und Grundbildung für Erwachsene fordern darüber hinaus die längst überfällige Etablierung und Institutionalisierung des Bereiches zu unterstützen, Forschungsarbeiten zu intensivieren, die Professionalisierung aller beteiligten Akteuren zu forcieren und neue Aspekte wie die einer „berufsorientierten Grundbildung“ sowie der „Neuen Medien“ in die Konzepte zu integrieren.

Im Rahmen der durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten „Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zur Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit im Kontext von Wirtschaft und Arbeit“ stellt sich ein Verbund von fünf regionalen Bildungseinrichtungen und dem itf Schwerin als Forschungsinstitut der Aufgabe, in Mecklenburg-Vorpommern miteinander verzahnte sowie mit der Wirtschaft abgestimmte Vorhaben umzusetzen. Der in Westmecklenburg/ Schwerin geförderte Verbund MEMO arbeitete von 2008 bis 2010.

Im Ergebnis der Arbeit im Verbundvorhaben „Neue Lernwege: Mentoring-Modelle zur Entwicklung persönlicher Lebenschancen und zur gesellschaftlichen Integration durch nachholende Grundbildung im Kontext von Erwerbstätigkeit“ - MEMO - haben sich verschiedene Partner zusammengefunden, welche die Ansätze und Möglichkeiten einer berufsbezogenen nachholenden Grundbildung in Mecklenburg-Vorpommern, auch nach Projektende, weiter voran bringen wollen. Dazu wurde die „Initiative berufsbezogene Grundbildung Mecklenburg-Vorpommern“ ins Leben gerufen.

Zentrales Ziel der „Initiative berufsbezogene Grundbildung Mecklenburg-Vorpommern“ ist die Weiter­ent­wicklung der erprobten und bewährten Methoden und Konzepte berufsbezogener Grundbildung für verschiedene Gruppen von betroffenen Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Die Anstrengungen der Akteure der „Initiative berufsbezogene Grundbildung Mecklenburg-Vorpommern“ sind vor allem darauf gerichtet, im Zusammenhang mit unternehmensrelevanten Tätigkeiten Maßnahmen zur berufs­bezogenen Grundbildung zu entwickeln und umzusetzen und so neue Möglichkeiten der beruflichen Integration sowie einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu erschließen.

Ansprechpartnerin

Dipl. Psych. Pamela Buggenhagen


Literaturhinweise:

Marion Döbert, Lexikon sociologicus, Wissenswertes zur Erwachsenenbildung, 1999.

Marion Döbert, Peter Hubertus: Ihr Kreuz ist die Schrift. Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland. Seite 99. Münster / Stuttgart 2000.

Monika Tröster: Kleine DIE-Länderberichte „Alphabetisierung/Grundbildung: Deutschland“, Seite 2, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, 2005.

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